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29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#1 von lenichen , 02.12.2018 14:27

BUCHTIPP:

Zitat
Bei meiner Literatur-Recherche zu einem aktuellen Artikel über die Gesundheitsschäden des Tabakrauchens bin ich auf das Buch des US-amerikanischen Wissenschaftshistorikers Robert N. Proctor mit dem Titel „Golden Holocaust“ gestoßen. Der Untertitel des 2011 erschienenen Buches lautet „Origins of the cigarette catastrophe and the case of abolition“, was soviel bedeutet wie „Die Ursprünge der Zigarettenkatastrophe und ein Plädoyer für die Abschaffung der Zigaretten“. Das Buch umfasst insgesamt 737 Seiten mit 35 illustrativen Abbildungen und vielen instruktiven Tabellen einschließlich eines umfangreichen Anmerkungsapparates mit einem detaillierten Personen- und Sachregister.

„Golden Holocaust“ wurde ins Französische und Polnische übersetzt, aber leider nicht ins Deutsche, was den relativ geringen Bekanntheitsgrad dieses wichtigen Buches im deutschsprachigen Raum zum Teil erklärt. Bisher sind auch nur wenige Rezensionen auf Deutsch im Internet erschienen. Dazu gehört die sehr informative und auch kritische Buchbesprechung des Wirtschaftshistorikers Christopher Neumaier aus dem Jahre 2012, die mich zur Lektüre von Proctors Buch animiert hat und auf die ich mich in einigen Abschnitten meines Artikels beziehen werde. Eine weitere lesenswerte Rezension ist ebenfalls 2012 in der Berner Zeitung erschienen. Für die Mühen der Lektüre des „Buch-Ziegels“ von Proctor wurde ich mit vielen neuen Erkenntnissen, insbesondere über die empörenden kriminellen Machenschaften der US-amerikanischen und britischen Tabakkonzerne, belohnt.

Proctor beschreibt in seinem Buch die Zigarette als „deadliest artifact in the history of human civilization“
(„tödlichstes Artefakt in der Geschichte der menschlichen Zivilisation“)
und gibt an, dass den Zigaretten
im 20. Jahrhundert weltweit etwa 100 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind.
Derzeit wird die Zahl der jährlichen
Todesopfer durch Tabakrauchen auf 7 Millionen pro Jahr geschätzt, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Weltnichtrauchertag 2017 bekannt gab [6]. In der Europäischen Union sterben nach Angaben der EU-Kommission derzeit jährlich etwa 700.000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Rauchens. Allein in Deutschland fielen dem Tabak 2013 circa 121.000 Personen zum Opfer.

Aus meiner Sicht als Arzt und Rehabilitationsmediziner sei Folgendes ergänzt: Unter den zehn wichtigsten Risikofaktoren für die Krankheitslast und vorzeitige Todesfälle steht in den Ländern mit hohem Einkommen (ein Begriff der UNO), den sogenannten reichen Ländern, der Tabakkonsum vor Bluthochdruck, ernährungsabhängigen Risikofaktoren sowie körperlicher Inaktivität und Alkoholmissbrauch an erster Stelle.


Quelle zum weiterlesen: https://www.nachdenkseiten.de/?p=47523

Was mir (wieder mal) sofort in den sinn kam...

...warum verwundert es mich mal garnicht, daß das buch nicht ins deutsche übersetzt wurde ?

...warum verwundert mich die scheinheiligleit der WHO nicht mehr wirklich ?

...wenn die WHO schon eingesteht und veröffentlicht, wieviele millionen tode der tabakkonsum verursacht und weiter bekannt ist,
daß tabakrauchen der risikofaktor nummer 1 für krankheiten und tod ist, warum dann unsere alternative dermaßen verrissen bzw. bekämpft wird ?

Aber ok, auch irgendwie klar: Die antworten kennen wir ja eigentlich alle schon lange.

Edit: Einige passagen bzw. erkenntnisse des autors sind mittlerweile zwar schon überholt bzw. widerlegt...

Zitat
Weiterhin geht er ausführlich auf die Manipulationen der Tabakindustrie ein. Er betont, dass die chemische Zusammensetzung von Tabak gezielt geändert wurde, um sowohl die Wirkstärke als auch die Suchtgefahr der Zigarette zu erhöhen. Das Verhältnis von Teer zu Nikotin im Tabak wurde zum Beispiel gezielt festgelegt: Die Höhe des Nikotingehalts muss gewährleisten, dass Raucher nikotinsüchtig werden, und der Teeranteil muss so eingestellt werden, dass der bittere Geschmack des Nikotins verdeckt wird. Insofern ist Tabak kein natürliches Erzeugnis, sondern ein im Labor entworfenes und industriell gefertigtes Produkt, das heißt ein Artefakt.



Wir müssen zwar eingestehen, daß unsere liquids zwar ebenfalls "artefakte" sind, aber eben nichts grundlegend schlechtes und verdammenswürdiges.
Wir wissen mittlerweile (auch dank prof. b. mayer), daß nikotin alleine keinesfalls das suchtgift per se ist und auch nicht bitter schmecken muß.

Hoffentlich setzen sich diese erkenntnisse langsam auch in der welt der tabakkonsumenten durch.
Ein buch wie dieses fördert aber in jedem fall die sensibilisierung der öffentlichkeit mit diesen themen und hoffentlich auch einsicht.

Noch was interessantes...bereits vor über 80 (!) jahren gab es hinweise auf das, was wir heute nunmehr sicher wissen:

Zitat
Lickint hatte schon 1935 auf der Grundlage seiner Forschungen herausgefunden, dass wahrscheinlich nicht das Nikotin, sondern das im Teer enthaltene Benzpyren das krebsverursachende Agens ist (S. 340). Proctor verweist in diesem Zusammenhang auch auf das monumentale 1.200 Seiten umfassende Werk von Lickint mit dem Titel „Tabak und Organismus. Handbuch der gesamten Tabakkunde“ aus dem Jahre 1939 (S. 161). Von Seiten der industrieabhängigen, aber auch der industrieunabhängigen amerikanischen und britischen Tabakforschung wurden diese Tatsachen bisher fast immer ignoriert.



Das diese erkenntnisse von den zitierten forschern befliessendlich ignoriert wurden verwundert wiederum mal garnüscht...


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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#2 von LenaDampf , 02.12.2018 21:49

Der Titel des Buches ist ja wohl ein schlechter Witz.



ophone und LoQ haben das geliked!
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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#3 von ophone , 03.12.2018 06:13

100 Millionen Rauchertote in einem Jahrhundert finde ich mal gar nicht so viel, wenn man bedenkt wieviele Menschen rauchen.
Vor allem im 20. Jahrhundert wurde sehr viel geraucht, jedenfalls in Industrienationen.


Et muss méi gedämpt ginn!


 
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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#4 von lenichen , 03.12.2018 09:51

Nun ja, für sterbethemen ist es immer schwer passende titel zu finden. Sei es drum, wenigstens hat ein forscher ein weiteres aufklärendes buch veröffentlicht, auch wenn es hier bei uns im dt.sprachigen raum nicht publiziert wurde. Uns ging es eher um die verbreitung der sachverhalte.

Und so gesehen hat ophone schon recht mit "gar nicht so viel", wenn man bedenkt, wieviel opfer kriege in der zeit gefordert haben.
Nur mit dem unterschied, daß da klar war, daß es schnell aus sein kann.
Tabak rauchen hingegen produziert seine opfer ja schleichend und die "opfer" eliminieren und schädigen sich dabei freiwillig selber...

Ich bin jedenfalls froh, daß ich diesen dreck nicht mehr haben muss. Trotz dem wissen um die folgen haben ja trotz all der aufklärung der letzten jahrzehnte die allermeisten von uns aus welchen gründen auch immer trotzdem weiter gequarzt, aber glücklicherweise haben wir nun eine alternative gefunden, die uns auch zufriedenstellt.
Ohne all die negativen gesundheitl. bzw. monetären begleiterscheinungen, die rauchen mit sich brachte. HWV mal ausgeklammert...^^


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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#5 von LenaDampf , 04.12.2018 06:07

Zitat von lenichen im Beitrag #4
Nun ja, für sterbethemen ist es immer schwer passende titel zu finden.


Mag sein, dass das oftmals nicht besonders leicht ist. Damit ist aber noch lange nicht geklärt, wieso sich der Autor des Buches eigentlich als so dermaßen unsensibel-blöd outet, indem er das Treiben der Tabakindustrie als einen erneuten Holocaust zu verkaufen versucht. Denn über eines sind wir uns doch wohl einig: Gleichsetzen, in welcher Weise auch immer, lässt sich das eine mit dem anderen natürlich in keinster Weise. Oder bist du da etwa anderer Meinung?



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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#6 von TKK-Dampfer , 04.12.2018 09:06

Zitat von LenaDampf im Beitrag #5
Denn über eines sind wir uns doch wohl einig: Gleichsetzen, in welcher Weise auch immer, lässt sich das eine mit dem anderen natürlich in keinster Weise. Oder bist du da etwa anderer Meinung?


Das kommt wohl drauf an, von welcher Seite du das betrachtest. Wenn es um die pure Zahl an Toten geht, kann man das durchaus machen.
Damit stellt sich die Frage ob es einen Unterschied macht, warum / durch was Menschen getötet werden. Da kann man durchaus den Standpunkt haben:
Es ist egal mit was / warum man Menschen umbringt. Mord ist Mord. Ob der Mord dann durch Ideologie begründet wurde oder durch wirtschaftliche Gier,
spielt dann keine Rolle mehr.


TKK


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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#7 von lenichen , 04.12.2018 09:36

Zumal der unsensible blödel so dumm nicht sein kann, wenn er es als forschender wissenschaftler hinbekommt ein sachbuch mit 737 Seiten , vielen instruktiven Tabellen einschließlich eines umfangreichen Anmerkungsapparates mit einem detaillierten Personen- und Sachregister hinzubringen.
Ich könnte das nicht und viele andere auch nicht und deshalb bewundere ich solche menschen.
Zumal der begriff holocaust per def. nicht nur für die schandtaten der nationalsozialisten an den Juden verwendet wird, sondern auch mfür jegliche massenvernichtung menschlichen Lebens wie zB. einen atomaren Holocaust.


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zuletzt bearbeitet 04.12.2018 | Top

RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#8 von LoQ , 04.12.2018 10:40

Die meiner Meinung nach bessere Rezension (inkl. "unserer" Bauchschmerzen mit dem Titel) findet sich hier: https://www.hsozkult.de/publicationrevie...ezbuecher-19418 (in dem Artikel auch erwähnt).


"Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage, alles was ich mache, der Name jedes Gesprächspartners, jeder Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft aufgezeichnet wird." E.Snowden

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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#9 von lenichen , 04.12.2018 12:23

Danke für die zusatzbeschreibung. Letztendlich hatte mich dies zu diesem Thread bewogen:
" ihm ist eine beeindruckende Studie gelungen, die für eine Vielzahl von Lesern eine Fülle an Informationen bereithält."


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RE: 29.11.2018 NDS: Das tödlichste Artefakt – Gedanken zu Robert Proctors Buch über die Zigarettenkatastrophe

#10 von LenaDampf , 06.12.2018 07:48

Wer in redlicher Weise vom Holocaust spricht, kann sich dabei selbstverständlich nur auf eines beziehen - nämlich auf den nationalsozialistischen Völkermord an über 6 Millionen europäischen Juden (wobei man andere Opfergruppen dabei natürlich nicht unterschlagen sollte). Und wer etwas anderes trotzdem in dessen Nähe zu rücken versucht, darf sich halt nicht darüber beschweren, spontan erst einmal für ein Relativierer des bisher größen Menschheitsverbrechens gehalten zu werden.

Fairerweise möchte ich dazu aber auch noch aus einem Artikel der "Berner Zeitung" zitieren: "Der Titel ist provokant: «Golden Holocaust». Der renommierte Wissenschaftshistoriker an der Stanford University in Kalifornien ist sich der Problematik wohl bewusst, wie er auf Anfrage klarstellt. Proctor hat sich mit seinen Büchern zur Rassenhygiene und zur Krebsforschung im Nationalsozialismus einen Namen gemacht. «Ich weiss, dass der Genozid an Europas Juden nicht mit den Opfern des Rauchens zu vergleichen ist. Mit dem Begriff ‹Holocaust› verwende ich eine starke Rhetorik, die auch auf Provokation setzt», bekennt er." (https://www.bernerzeitung.ch/schweiz/sta.../story/24636770)

Immerhin also: Proctor ist sich zumindest darüber bewusst, dass sich sein "Holocaust" nicht mit dem realen vergleichen lässt - von einer Gleichsetzung natürlich ganz zu schweigen. Und er gibt sogar zu, was ihn bei der Titelwahl seines Buches letztendlich geritten hat: nämlich der Versuch, auf doch recht plumpe Weise provozieren zu wollen.

Und übrigens: Während durchs Rauchen allein in Deutschland jährlich 120.000 Menschen sterben, führen auch bei 74.000 Menschen die direkten oder indirekten Folgen ihres Alkoholkonsums zu einem frühzeitigen Ableben. Wer also behauptet, dass die Tabakindustrie einen Holocaust betreibe, müsste demnach also auch jeden Brauereibesitzer zumindest als einen halben "KZ-Schergen" bezeichnen. Das aber wird sich hier, wie ich doch sehr hoffe, wohl keiner trauen. Ergo: Verurteilt von mir aus die Tabakindustrie aufs Schärfste. Aber erkennt dabei bitte auch immer noch das, was ihr Tun von einem Verbrechen wie dem Holocaust unterscheidet.



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